Juni 2021

Wochengebet

18.06. - 25.07.2021

Dorothee Sölle schrieb 1969 in der theologischen Auseindersetzung mit der 1968er Bewegung ein Gebet, das meiner Meinung nach bis heute aktuell geblieben ist. Diesen Text/Gebet möchte ich Ihnen diese Woche mit auf den Weg geben.

Antwort auf die frage der linken freunde warum wir beten

Weil es uns um die brüderlichkeit geht
aller
nicht nur der christen oder einer anderen gruppe
aller
auch derer die nach uns leben werden
in unseren städten mit unserem wasser
von uns erzogen bis ins dritte und vierte glied
aller
der toten die vor uns gelebt haben
deren träume wir verraten haben
die träume von 1789 und die von 1917
weil es uns um die brüder geht
darum sagen wir manchmal VATER UNSER
weil unsere aufgabe unendlich ist
und unsere sehnsucht nicht kleiner wird im lauf des lebens
weil christus nicht der trank für uns ist
sondern der der unsern durst verstärkt
darum sagen wir manchmal DER DU BIST IM HIMMEL
weil wir an orten leben
wo menschen über menschen zu sagen haben
in betrieben büros und schulen
und wissen dass herrschaft die häufigste art ist
den namen gottes zu beleidigen
darum sagen wir manchmal GEILIGT WERDE DEIN NAME
weil wir den kreislauf fürchten
von produktion und konsum und profit
für den sie uns abrichten wollen
darum sagen wir manchmal DEIN WILLE GESCHEHE
weil wir nicht ohne angst sind auch vor uns selber
nicht ohne zweifel auch mit uns selber und unserem weg
nicht ohne ironie auch für unsrere versuche
darum sagen wir manchmal DEIN REICH KOMME
wir sprechen mit gott
immer wenn wir uns auf die neue welt konzentrieren
wir reden vom täglichen brot
und meinen den knopf der dem gefangenen in der zelle fehlt
und die niederen zölle für waren aus ärmeren ländern
wir bekennen unsere schuld
als eines der reichsten völker der erde
die voller verhungernder ist
als bürger eines geordneten landes
das voller verzweifelnder ist
wir vergeben unsern schuldigern
die uns um das leben betrügen
indem wir nicht aufhören ihnen bessere vorschläge zu machen
so ihre würde achtend
weil wir deutsche sind
blind von nationalismus und krank an rachsucht
weil wir ganze länder nicht anerkennen
und grenzen des friedens nicht wahrhaben wollen
darum sagen wir manchmal UND FÜHRE UNS NICHT IN VERSUCHUNG
weil wir untertan sind
und nicht gelernt haben herrschaft zu begrenzen
und mächtige zu kontrollieren
und es kaum verstehen unser schicksal mitzubestimmen
weil wir uns überlassen
der resignation und dem blinden schmerz
darum sagen wir manchmal SONDERN ERLÖSE UNS VON DEM ÜBEL
eil wir glauben brauchen für das reich
das wir sind und bauen
und ermutigung für unsere arbeit
dass wir nicht umsonst entwerfen
darum sagen wir manchmal DEIN IST DAS REICH UND DIE KRAFT UND DIE HERRLICHKEIT
und setzen darauf dass gott sei IN EWIGKEIT für uns

 

Dorothee Steffensky-Sölle war eine feministische deutsche evangelische Theologin und Dichterin. Als theologische Schriftstellerin und Rednerin war sie weltweit bekannt. (geb. 30. September 1929 in Köln; † 27. April 2003 in Göppingen) Sölle gehörte zu den profiliertesten Vertretern eines „anderen Protestantismus“. Sie übte Kritik an der Allmachtsvorstellung über Gott und versuchte in ihren Schriften, alltägliche Lebenserfahrungen – insbesondere des Leidens, der Armut, Benachteiligung und Unterdrückung – mit theologischen Inhalten zu verknüpfen. Politisch war sie in der Friedens-, Frauen- und Umweltbewegung engagiert.

 

(Diakon Awiszio) 


 

Wochengebet

11.06. - 13.06.2021

Einmal…
…einmal mit Dir die Welt betrachten, in ihrer Fülle, mit ihren Möglichkeiten, die bekannten Orte aus anderer Perspektive, die unbekannten Orte, voller Neugierde und geheimnisvoll.

Einmal…
…einmal mit Dir über Hürden springen, Hürden, die mir bisher zu hoch gewesen sind, Hürden, die ich mich nicht traute zu überspringen, Hürden, die ich nicht gesehen habe, die mir einen neuen, weiten Weg öffnen.

Einmal… 
…einmal mit Dir zu den Menschen gehen, zu denen, die ich schon kenne, und sie neu kennenzulernen, zu denen, die ich noch nicht kenne, und die mich bereichern, zu denen, die mir nicht aufgefallen sind und festzustellen, wie bunt sie sind.

Einmal…
…einmal mit Dir in den Spiegel sehen, auf mich, wie ich mich noch nicht gesehen habe, auf Dich, wie ich dich neu für mich entdecken kann und noch nicht kannte, auf andere Menschen in meiner Nähe, die zu mir gehören und mich verändern

Einmal…
…einmal mit Dir auf die Zeit schauen, die zurückliegt und die mich geprägt hat, die ich gerade erlebe und wie ich sie in mein Leben einordne, die, die noch vor mir liegt, welchen Weg ich einschlagen soll und wie ich ihn ausfülle. Einmal mit Dir allmächtiger und gütiger Gott eine Reise durch mein Leben machen und zu sehen, wie Du mich trägst, wie Du mich anleitest, wie Du mich zurechtweist, wie Du mich beschützt und wie Du mich liebst.

Amen     

(Pfr. Naumann)


 

Wochengebet

04.06. - 11.06.2021

„Aufatmen“

Ich lebe von Erinnerung'n,
sie bringen mich durch die Nacht
Geh nochmal alles durch von Anfang an
Und ich bleibe in der Hoffnung, dass die Zeit schon alles richtig macht
Bis dahin tu ich was ich kann:
Ich atme ein, ich atme aus
Ich setze ein Fuß vor den ander'n
Bis ich alles das, was geschehen ist, kapier Ich atme ein, ich atme aus
Nehme ein Tag nach dem ander'n
Bis ich endlich weiß, dass du wiederkommst zu mir

Der schon verstorbene Roger Cicero hat dieses wunderbare Lied geschrieben – ein Lied von einer schweren Zeit und wie er damit umgeht. Einatmen – ausatmen. Eigentlich passiert das ganz automatisch. Das ist ein Reflex. Aber manchmal, wenn es schlimm kommt, dann verschlägt es uns regelrecht den Atem. „Das Atmen nicht vergessen“ sagt uns dann jemand an unserer Seite. Und angesichts der vielen schwierigen Situationen und Änderungen der vergangenen Monate sind wir regelrecht atemlos. Das, was Roger Cicero beschreibt, kann ein Rezept sein, um schwere Zeiten durchzuhalten: Einatmen – ausatmen. Ganz bewusst. Ganz tief und lange. Dann wird mir bewusst, dass ich lebe und dass das Leben auch weitergeht, egal, wie es jetzt gerade aussieht. Ein- und ausatmen – spüren, dass ich lebe. Auf den ersten Seiten der Bibel, in der Schöpfungsgeschichte, wird beschrieben, wie Gott den noch leblosen Menschen anhaucht, an-atmet, und dem Menschen damit das Leben schenkt. Jeder meiner Atemzüge trägt etwas vom Atem Gottes in sich. Und das lässt mich dann auch auf-atmen – ein tiefer Atemzug mit langem hörbaren Ausatmen und einem Lächeln der Erleichterung und der Freude. So, wie wir das jetzt können. Es geht wieder was. Das Leben – das volle Leben ist fast zurück. Gott sei Dank!

Ich atme ein – ich atme aus – ich atme auf – und lobe meinen Gott.
Alles, was Atem hat, lobe den Herrn! Halleluja! (Psalm 150,6) 

(Pfrn. Rylke-Voigt ) 


 

Altpapiersammlung - Termine 2021

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